Verstandesdenken und Herzdenken

aus Jakob Lorber, Geistige Sonne, Bd. 1, Kap. 98:


5 Daher bleibe du in deiner Liebe zu Mir und suche ewig nichts anderes, so bist du Mir alles, was du sein sollst, und Ich werde dir auch alles sein, was Ich dir nur immer als dein Gott, Schöpfer, und ewig liebevollster Vater sein kann! Liebe ist das einzige Band zwischen Mir und dir; sie ist die allein wunderbar allmächtige Brücke zwischen Mir, dem ewig allmächtigen, unendlichen Schöpfer, und dir, Meinem endlichen Geschöpfe. Auf dieser Brücke kann Ich zu dir und du zu Mir kommen, wie da kommt ein lieber Vater zu seinen Kindern und die Kinder zu ihrem lieben Vater.

6 Die Liebe ist auch dein wahres Auge, wie sie in Mir das ewig allein wahre Auge ist. Mit diesem Auge ist es dir allein möglich, Mich, deinen Gott und Schöpfer, so zu schauen, wie da ein Bruder den andern schaut. Für jedes andere Auge bin Ich in dieser Meiner Wesenheit für ewig unschaubar. Die Liebe ist ferner der rechte Arm an deinem Wesen, mit dem du Mich wie einen Bruder umfassen kannst. Also ist die Liebe auch das rechte Ohr, welches allein Meine Vaterstimme gewinnt; kein anderes Ohr wird solches ewig je vermögen.

7 Die Liebe ist ein unendlich weitgestecktes Ziel, das nie ein Verstand und eine Weisheit erreichen können. Aber die Liebe fängt an diesem Ziele an, wonach der Verständige und Weise vergebens ihre Segel spannen. Ja, die Liebe ist des Geistes inwendigste und schärfste Schauwaffe, mit dieser du in Meine göttlichen Wundertiefen allein blicken kannst, während der Verstand und die Weisheit nicht einmal den Saum Meines auswendigsten Kleides anzurühren imstande sind. Daher seid ihr auch selig, du und deine Brüder, da ihr die Liebe in euch habt, und diese Liebe hat Mich zu euch geführt, und sie hat nun dieses Gewässer zu einer festen Brücke umgestaltet, über welche Ich euch nun führen will als der allein wahre Führer und als euer allein wahrer Vater und Bruder in eurer Liebe zu Mir wie in Meiner Liebe zu euch. Und so denke du ewig nimmer an eine andere Danksagung; denn deine Liebe ist alles in allem, wie Ich in Meiner Liebe zu dir und euch allen alles in allem bin! Und so denn wollen wir uns nun über diese Brücke bewegen; folget Mir daher!

8 Nun sehet, der Zug geht hurtig vorwärts. Und ich kann es euch versichern, obschon es euch vorkommt, als ginge man Schritt zu Schritt, daß wir uns dennoch mit einer für euch unbeschreiblichen Schnelligkeit vorwärtsbewegen. An der Seite des Herrn ist, geistig und materiell genommen, ein Schritt ausgiebiger, als wenn ihr in irdisch entsprechender Form Schritte von Sonne zu Sonne machen würdet.

9 Ihr müßt aber die Sache wohl verstehen, was für ein Unterschied ist zwischen weltlichen und solchen rein geistigen Fortschritten. Denn diese Bewegung hier deutet nicht nur auf ein erschauliches Vorwärtskommen hin, sondern die Bedeutung ist vielmehr diese, daß derjenige, der sich durch die Liebe des Herrn leiten läßt, in seiner innern Erkenntnissphäre eben auch in einem Augenblicke, oder entsprechend in einem Schritte, eine unaussprechlich größere Erfahrung und in der Wahrheit in einem solchen Schritte eine endlos größere und weitgedehntere, allerhellste Beschauung macht als ein Verstandes- und Weisheitsforscher in vielen tausend Erdenjahren.

10 Noch verständlicher für euch gesprochen: Ein Schritt unter der Leitung des Herrn ist mehr wert denn Milliarden unter der Leitung eines noch so erleuchteten Geistes! Oder: Ein Wort aus dem Munde des Herrn ist mehr wert als alle Worte, die auf allen Weltkörpern eigenmündig von den Wesen sind vom Uranbeginn gesprochen und geschrieben worden und noch gesprochen und geschrieben werden. - Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht doch wohl nicht zu sagen.
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aus: J. Lorber, Robert Blum, Bd. 1, Kap. 35:

"3 Aber die Seele hat noch ein anderes Vermögen, das nicht in ihrem Kopfe, sondern in ihrem Herzen wohnt. Dieses Vermögen heißt inneres Gemüt und besteht aus einem ganz eidgenen Willen, aus der Liebe und aus einer diesen beiden Gemütselementen entsprechenden Vorstellungskraft Hat diese einmal den Begriff vom Dasein Gottes in sich aufgenommen, so wird er dann sogleich von der Liebe umfaßt und durch ihren Willen festgehalten, - welches Festhalten dann erst 'glauben' heißt.

4 Durch diesen Glauben, der lebendig ist, wird der wahre Geist erweckt. Der beschaut dann seinen Erwecker, erkennt und ergreift ihn sogleich, richtet sich darnach auf wie ein mächtig Licht aus Gott und durchdringt dann die Seele und umwandelt in ihr alles ins Licht. Und dieses Licht ist dann der eigentliche Glaube, durch den jede Seele selig werden kann.

5 Hast du je von diesem allein wahren Glauben etwas vernommen? Du sprichst in dir: Nein, diese Art des Glaubens ist mir völlig fremd; denn ein Denken im Herzen kommt mir völlig unmöglich vor! Ja, so ist es auch! Es muß dir diese Sache unmöglich vorkommen.

6 Um im Herzen denken zu können, muß man eine eigene Übung haben; diese besteht in der stets erneuerten Erweckung der Liebe zu Gott. Durch diese Erweckung wird das Herz gestärkt und erweitert, wodurch dann des Geistes Bande lockerer werden, so daß sein Licht (denn jeder Geist ist ein Licht aus Gott) sich stets mehr und freier entwickeln kann. Fängt dann des Geistes Licht an, die eigentlilche Lebenskammer des Herzens zu erhellen, so werden auch die zahllosen Urtypen in rein-geistigen Formen an den ebenfalls zahllosen Wänden des Lebenskämmerleins stets deutlicher ausgeprägt und der Seele beschaulich gemacht. Und siehe, diese Beschauung der Seele in ihrem Herzen ist dann ein neues Denken. Die Seele gelangt da zu neuen Begriffen und zu großen und klaren Vorstellungen. Ihr Sehkreis erweitert sich mit jedem Pulsschlag. Die Steine des Anstoßes verschwinden nach dem Maße, wie der Kopfverstand verstummt. Da ist kein Fragen nach Beweisen mehr. Denn das Licht des Geistes erleuchtet die inneren Formen also, daß sie nach keiner Seite hin einen Schatten werfen. Somit wird auch alles, was einem Zweifel nur wie im leisesten Hauche ähnlich wäre, für ewig verbannt.

7 Und so ist denn auch ein Glaube, der sogestaltig im Herzen und nicht im Kopfe seinen Sitz hat, ein wahrer und lebendiger Glaube zu nennen: wahr, weil er dem untrüglichen Licht des Geistes entstammt, und lebendig, weil im Menschen nur der Geist im wahrsten Sinne lebendig ist!"