Wahres geistiges Leben

Jakob Lorber, Gr. Evangelium Johannes, Bd. 3, Kap. 242

(2) Man gibt schon gerade wohl einem armen Menschen etwas, und es ist dann einem auch sogar nicht leid um die Kleinigkeit, die man einem Notdürftigen hat zukommen lassen; aber es hat einen bei weitem mehr der Verstand als irgendein Gesfühl der Nächstenliebe dazu angetrieben! O Gott, wie weit ist der Mensch vom Ziele durch seinen Verstand und durch sein kaltes, aller Liebe bares Urteil! Wer einem Armen mit wahrer Bruder- und Nächstenliebe etwas verabreicht und dazu noch eine rechte demutsvolle Freude daran hat, an seinen Brüdern und Schwestern möglichst viel Gutes im Namen Jehovas getan zu haben, und stets den lebendigsten Wunsch in sich hat, noch viel mehr Gutes zu tun und alle seine armen Brüder und Schwestern so glücklich als möglich zu machen trachtet durch alle Freundlichkeit, Rat, Wort und freudigste Tat, ja, wie unermeßlich hoch steht eines solchen Menschen Seele und Geist vor Gott dem Herrn! Aber wo stehen wir noch mit unsern harten Herzen und kleinen Verstandesgaben?!

(7) Wissen ist etwas anderes und Fühlen auch ganz etwas anderes. Zum Wissen kann man selbst durch den Fleiß gelangen und zur Weltklugheit durch Erfahrungen; aber zum wahren Fühlen gehört mehr als viel lernen und erfahren!

(8) Vieles Wissen macht das menschliche Herz nicht fühlen und recht wollen, und die Erfahrung kann uns im Schlechten wie im Guten klug machen; nur ein rechtes Gefühl belebt alles und ordnet alles und gibt Ruhe und Seligkeit. Darum soll denn schon bei der anfänglichen Bildung des Menschen zum wahren Menschen vor allem auf sein Herz gesehen werden!

(9) Denn ist das Herz nicht gleich anfänglich bearbeitet worden, sondern nur der Verstand, so wird das Herz verhärtet und bald nach den Anforderungen des Verstandes hochmütig! Ist aber das Herz einmal hochmütig, so nimmt es dann sehr schwer eine Gefühlsbildung an; da müssen dann schon ordentliche Feuerproben kommen, bestehend in allerlei Elend und Not, und es muß das Herz allerlei Druck verspüren, auf daß es dann wie ein geknetetes Wachs weich, sanft und fühlend werde für die Not und für das Elend des weinenden Nebenmenschen!